Essaouira 2, Stadtbummel

Hafen, Brandung, Altstadt, Strand

 

Mi., 31.10.2018, Essaouira, 22 km

 

Unser Hotel ist etwas in die Jahre gekommen, das Zimmer ist so lala. Einen etwas älteren, mutmaßlichen Schimmelschaden hat man nur unvollständig beseitigt. Das ist die Kehrseite der Dachterrassen, wenn die irgendwann einmal undicht sein sollten. Geschlafen haben wir jedenfalls prima und das ist immer die halbe Miete für den kommenden Tag. Was den Gesamteindruck älterer Häuser und insbesondere der Riads häufig rettet ist, dass man die Zimmer in der Regel wirklich nur als Schlafraum braucht. In der Regel gibt es zusätzlich schön gestaltete Aufenthaltsräume oder Dachterrassen, die man tagsüber nutzen kann (vgl. hierzu Seite Unterkünfte).

Bei morgendlichen 17 Grad treten wir zur blauen Stunde auf die Dachterrasse, wo die Möwen einen ziemlichen Radau machen. Dreist besetzen sie in unserer unmittelbaren Nähe die steinernen Geländer der zweigeschossigen Dachterrasse.

Um sie zum Abflug zu motivieren, muss man ihnen schon sehr auf den Leib rücken, sie wissen um ihre Überlegenheit. Vermutlich Dank des Fischereihafens aber auch zahlreicher Touristen finden die Vögel in Essaouira immer genügend zu Fressen und so hat sich eine große Kolonie im Umfeld der Stadt niedergelassen. Den Möwen kommen einige, der Küste vorgelagerte, schroffe Felsen mit einer starken Brandung und einem landseitig, bzw. im Brandungsschatten gelegenen Sandstrand entgegen. Dort lohnt es sich nicht mit Booten anzulanden und die Vögel finden ihre Ruhe, wenn ihnen der Rummel in der Stadt einmal zu viel wird. Zum Fressen können sie ja jederzeit rüber geflogen kommen. Futter gibt es hier mehr als genug und in der allergrößten Not könnten sie sich ja auch im Meer bedienen.

Nach einem gemütlichen Frühstück auf der Dachterrasse bewegen wir uns in Richtung Place Moulay Hassan, der von einer halbhohen Mauer vom Meer abgegrenzt wird. Die Mauer lässt sich leicht überwinden, man muss nur den Einheimischen folgen, um die beste Stelle abzupassen. Von dem dahinter liegenden, teils felsigen, teils sandigen Tidenbereich lässt sich die gewaltige Brandung gut beobachten.

Strand und vorgelagerte Felsgruppen sind etwas verdreckt, das hält Angler allerdings nicht davon ab ihren Fisch hier heraus zu holen.

Vom Place Moulay Hassan geht es weiter zum Hafen. Gleich am Eingang fällt Michael wieder einmal auf einen selbsternannten Führer herein. Ein schon etwas älterer Herr stellt sich an seine Seite und beginnt unaufgefordert über das örtliche Fischereiwesen, die schwere Arbeit der Fischer, die Fangtiefen und die Fischarten, die hier gefangen werden können zu referieren. Alles Dinge die Michael tatsächlich auch interessieren, sehen die das seinem Gesicht an oder geht man generell davon aus, dass technische und statistische Daten Männer eher interessieren als Frauen? Angelika wird jedenfalls nicht mit solchen Dingen konfrontiert. 

An der Nordsee würde man solche Informationen auch einmal kostenlos erhalten, aber hier fallen ab dem dritten Satz Gebühren an. Deshalb beginnt Michael mit Absetzbewegungen. Doch sein Berichterstatter weicht ihm nicht von der Seite, wohin er sich auch wendet, wie eng es auch sein mag oder wie desinteressiert Michael auch tut. Immerhin erfährt er, dass die letzten Tage nur sehr wenige Boote ausgefahren sind und die Ladung des unweit unseres Standorts vertäuten Boots deshalb sehr begehrt ist.

Michael entrichtet seinen Obulus, der wie immer als zu gering erachtet wird und wendet sich dem Fischtrawler zu. Der muss irgendetwas ganz besonderes an sich haben, denn er wird umringt von

Einheimischen. Das entladen eines Trawlers dürfte hier beinahe täglich zu beobachten sein, was mag daran so spannend sein, dass die einheimische Bevölkerung sich dieses Ereignis zu Dutzenden anschaut. Ein Touristenauflauf wäre da doch eigentlich eher zu erwarten. Aus der Ferne ist jedenfalls nichts zu erkennen, da müssen wir näher ran.

Zunächst einmal sehen wir nur eine Menschenkette aus Fischern, die eine Vielzahl von Plastikboxen, die mit Sardinen und Eis beladen sind von Hand zu Hand weiterreichen, bis sie auf einem Klein-LKW ankommen, der bereits halbvoll beladen ist. Die Quelle dieses beständigen Fischstroms ist natürlich der dicke Bauch des Trawlers, aus dem sie durch eine enge Luke den Weg ins Freie finden. Möglich, dass die Zahl der Boxen nicht ausreicht, möglich auch, dass der Fischer seine Arbeit in kürzester Zeit erledigt haben möchte. Jedenfalls werden die Boxen bis oben hin vollgepackt, manchmal sogar überladen, so dass ein Teil der glitschigen Fracht beim Weiterreichen auf den Boden fällt. Und weil die Fischer mit dem Weiterreichen der Boxen beschäftigt sind, und vielleicht auch ein wenig aus hygienischen Gründen, werden die heruntergefallenen Fische nicht mehr aufgehoben und können von der umstehenden Menschenmenge eingesammelt werden. Das ist also der Grund des Auflaufs, so kommt man kostenlos zu seinem Mittagessen, auch nicht schlecht.

Vom aufregenden Treiben um den Trawler einmal abgesehen, ist der Hafen wenig anziehend. Überall ist es recht schmutzig. Und glaubt man den Touristen, die sich mit uns den Hafen ansehen, dann stinkt es auch ganz ordentlich. Michaels Nase ist nicht mehr so sensibel, da ist er ausnahmsweise einmal im Vorteil. Ein Foto von den berühmten blauen Booten muss natürlich auch noch geschossen werden. Auf den Postkarten sieht das immer so malerisch aus, aber auch die sind aus der Nähe betrachtet bei weitem nicht so idyllisch wie man denken könnte.

Vom Hafen geht es in die Medina, der wir am gestrigen Nachmittag bereits einen Besuch abgestattet hatten. Die ist in Teilen tatsächlich überdurchschnittlich sauber. Auch fällt auf, dass zu den Angeboten, die man in allen marokkanischen Städten findet hier sehr viele kleine Kunstlädchen hinzu kommen, die Gemälde, Skulpturen oder Musikinstrumente feilbieten. 

Eine ganze Reihe von Händlern stammen auch nicht aus Essaouira, sondern sind Schwarzafrikaner, überwiegend aus dem Senegal. Michael gefallen die bunten Arrangements, die die meisten Arbeiten der Westafrikaner auszeichnen. Zwischen den Läden ist mehr Platz, die üblich Enge ist hier ein wenig aufgelockert, das empfinden wir ebenfalls als recht angenehm. Die Händler sind auch weniger aufdringlich als andernorts, man kann in Ruhe aussuchen, ohne dass man sofort zum Kauf gedrängt wird. 

Die Preise liegen etwas über dem Landesdurchschnitt und werden hier auch eher als Festpreise verstanden, was für Marokko durchaus unüblich ist. Wer sich beim Feilschen allerdings ungeschickt anstellt, kommt hier u. U. sogar besser zurecht, denn um einen fairen Preis einschätzen zu können, muss man schon einige Regionen gesehen haben. Den fairen Preis zu kennen und diesen dann auch auszuhandeln ist noch einmal eine ganz andere Sache.

Auch wenn die Medina hier sehr viel übersichtlicher als etwa in Marrakesch aufgebaut ist, lassen wir uns treiben ohne ständig zu schauen wo wir gerade herumlaufen. So gehen wir manchen Weg doppelt, finden aber auch per Zufall das Café-Restaurant „The Coast“, in dem wir uns eine schöpferische Pause gönnen.

Weil es bereits unser zweiter und somit letzter Tag in der Stadt ist, müssen wir natürlich auch unbedingt noch einmal an den weitauslaufenden, wirklich schönen Strand von Essaouira laufen, der sich vor der Front einiger besonders exklusiver Hotels ausbreitet. Schön dass der für alle frei zugänglich ist und nicht besser verdienenden vorbehalten bleibt. Da der Sandstrand ganz flach in Richtung Meer einfällt ist er hervorragend für Kinder geeignet. Bei der aktuellen Belegung ist er auch sehr übersichtlich, man hat die Kleinen immer schön unter Kontrolle. Ob das auch im Sommer gilt ist natürlich eine andere Frage.

Trotz des oben beschriebenen, fast etwas langweilig wirkenden Strandverlaufs kommen auch Draufgänger durchaus auf ihre Kosten. Hierzu muss man einfach nur etwas weiter raus gehen und wird dann rasch von ordentlichen Brechern in die Mangel genommen. Nur bei der Wasserqualität steht man etwas im Regen. Vielleicht täuscht die Farbe, aber man fragt sich schon in welchem Zustand und an welcher Stelle laufen hier eigentlich die Abwässer ins Meer.

Auch wenn man sich dieses zunächst für die Abwässer wünschen würde, sieht man in der Ferne wieder einmal, dass die Moderne auch in Marokko Stück für Stück Einzug hält. Eine Vielzahl von Windrädern, die hier in der windigen Stadt den perfekten Standort gefunden haben, liefern reichlich Ökostrom.

Am Abend sind wir mit dem Stativ in der Medina unterwegs, um die besonders schön gestalteten Gassen und Winkel in malerischer Atmosphäre abzubilden. Man muss ein wenig Geduld haben, denn auch am Abend sind die Marokkaner aber auch die Touristen immer noch zahlreich unterwegs und haben für Langzeitbelichtungen nur begrenztes Verständnis.

So geht ein ereignisreicher Tag zu Ende. Wir haben für die kurze Zeit wirklich viel erlebt und werden sicher irgendwann wieder einmal hier vorbeischauen.